Die Übergabe der Stadt Münden am 23. August 1757
Veröffentlicht von Wulf Richter in Forschung & Geschichte · Mittwoch 24 Jun 2026 · 6 Minuten
Tags: Stadt, Münden, Übergabe, 23., August, 1757, Geschichte, Historische, Ereignisse, Stadtgeschichte, Militärgeschichte, 18., Jahrhundert
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1. Kriegssommer 1757: Wie der Konflikt an die Weser kam
Der Sommer 1757 brachte den südlichen Teil des Kurfürstentums Hannover in eine dramatische Lage. Nach der Niederlage der alliierten Armee bei Hastenbeck (26. Juli 1757) zogen sich die hannoverschen Truppen unter dem Herzog von Cumberland nach Norden zurück. Damit öffnete sich der Weg für die französischen Verbände unter Marschall d’Estrées, die systematisch die Städte entlang der Weser und Leine im Auftrag des „allerchristlichsten Königs“ besetzten.[^1].
Göttingen fiel im Juni, Hameln wurde eingeschlossen, und Münden — strategisch gelegen an der Engstelle von Fulda, Werra und Weser — rückte in den Fokus der französischen Operationsführung. Die Stadt war befestigt und verfügte über eine wichtige Brücke, ein Arsenal und Magazinräume, die für die französische Logistik wertvoll waren.
2. Die Verteidiger der Stadt Münden 1757
Die hannoversche Garnison bestand nicht aus einer regulären Feldtruppe, sondern aus einer Kompanie des 1. Garnison‑Regiments, das überwiegend aus Invaliden zusammengesetzt war — also Soldaten, die für den Felddienst nicht mehr voll einsatzfähig waren, aber Garnisonsaufgaben übernehmen konnten.[^2]
2.1 Offiziere des 1. Garnison‑Regiments (1757)
- Oberst Georg Christian Ernst von Landesberg – Regimentschef
- Oberstleutnant von der Knesebeck
- Oberstleutnant Christoph Eberhard Arens – ab 08. Juni 1757 Kommandant in Münden
- Hauptmann Johann Georg Schilling
2.2 Standorte und Bewegungen der Kompanien
Die Kompanien des 1. Garnison-Regiments waren im Sommer 1757 mehrfach verlegt worden:
- 08. Mai 1757
Kp. Arens und ½ Kp. Schilling in Hameln - 08. Juni 1757
- 01. Juli 1757
- 10. Juli 1757
- Kp. von Landesberg und ½ Kp. Schilling in Münden
Verlegung der ½ Schilling‑Kompanie im Mai nach Nienburg
- Arens und Landesberg tauschen ihre Kompanien
- Kp. Oberstlt. von der Knesebeck ersetzt Landesberg in Hameln
- Kompanie Arens kapituliert in Münden und gerät in französische Kriegsgefangenschaft
Diese Rekonstruktion zeigt:
Münden war im August 1757 militärisch schwach besetzt und kaum verteidigungsfähig.
Die Kapitulation war daher eine realistische Option, um Zerstörungen zu vermeiden.
Münden war im August 1757 militärisch schwach besetzt und kaum verteidigungsfähig.
Die Kapitulation war daher eine realistische Option, um Zerstörungen zu vermeiden.
3. Die Unterhändler der Kapitulation
Die Übergabe wurde ausgehandelt zwischen:
- Charlen Prosper Baugn Chevalier Seigneur de Perreuse de Balleaux, maréchal de camp, Kommandeur eines französischen Korps[^3]
- Christoph Eberhard Arens, Oberstleutnant im Dienst des Kurfürsten von Hannover, Kommandant der Stadt Münden[^4]
Beide handelten im Rahmen der frühneuzeitlichen Kriegsordnung, in der Kapitulationen ein anerkanntes Mittel waren, um Blutvergießen zu vermeiden.
4. Die Kapitulationsartikel – kommentierte Zusammenfassung
4.1 Niederlegung der Waffen
Alle Truppen der Garnison mussten ihre Waffen niederlegen.
Sämtliche Waffen in Arsenalen, Magazinen und Privathäusern gingen in französischen Besitz über.[^5]
Sämtliche Waffen in Arsenalen, Magazinen und Privathäusern gingen in französischen Besitz über.[^5]
4.2 Sicherung der Werrabrücke
Die hannoversche Wache zog sich auf den Marktplatz bei dem Rathaus zurück.
Das Brückentor übernahm eine Kompanie des Regiments Reding (Schweizer in französischen Diensten).[^6]
Das Brückentor übernahm eine Kompanie des Regiments Reding (Schweizer in französischen Diensten).[^6]
4.3 Schutz der Einwohner
Der französische Kommandeur versprach:
- keine Plünderungen
- strenge Disziplin
- Schutz der Zivilbevölkerung
Solche Zusicherungen waren nicht nur diplomatische Höflichkeit, sondern ein verbindlicher Bestandteil frühneuzeitlicher Kriegsführung.
4.4 Sonderregelungen für Invaliden und Kommandant Arens
Die Invaliden wurden nicht als Kriegsgefangene behandelt.
Arens erhielt freies Geleit, sobald der Herzog von Orléans den Zeitpunkt bestimmte.[^7]
Arens erhielt freies Geleit, sobald der Herzog von Orléans den Zeitpunkt bestimmte.[^7]
4.5 Übergabe der Magazine
Alle Schlüssel zu Magazinen, Arsenal und Pulverhaus mussten sofort übergeben werden.
Fehlbestände waren binnen eines Tages nachzureichen – andernfalls drohte persönliche Haftung.[^8]
Fehlbestände waren binnen eines Tages nachzureichen – andernfalls drohte persönliche Haftung.[^8]
4.6 Kontrolle über Schlagd (Hafen) und Schiffe
Alle Boote, Lastkähne und Holzflöße im Hafen wurden inventarisiert und gingen in französische Verantwortung über.[^9]
4.7 Eid der Treue
Die städtischen Amtsträger mussten einen Treueeid auf den französischen König leisten — unter Androhung der Todesstrafe. Dies war ein drastisches, aber im 18. Jahrhundert übliches Mittel zur Sicherung der Loyalität eroberter Städte.[^10]
5. Quellenkritik
Das überlieferte Dokument ist eine französische Abschrift der Kapitulationsbedingungen, die sich heute im:
Niedersächsischen Landesarchiv Hannover, Bestand Hann. 92, Nr. 2347 (Abbildung: ha_hann_92_nr_2347_aufn_0062)
befindet.
Der Bestand Hann. 92 enthält überwiegend französische und diplomatische Schriftstücke aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges, darunter:
- Kapitulationsprotokolle,
- militärische Rapporte,
- Korrespondenz französischer Offiziere,
- Verwaltungsunterlagen der Besatzungszeit.
Die Sprache des Dokuments ist typisch für französische Kapitulationstexte des 18. Jahrhunderts: formelhaft, juristisch, mit starker Betonung der Rechte des „allerchristlichsten Königs“.
Die Überlieferung ist einseitig französisch, die hannoversche Perspektive fehlt. Dennoch ist der Inhalt inhaltlich zuverlässig, da er mit parallelen Quellen aus Hannover und London übereinstimmt.
6. Archivalische Signaturen
- Niedersächsisches Landesarchiv Hannover
- Hann. 92 Nr. 2347 — Kapitulation der Stadt Münden 1757
- (Digitalisat: ha_hann_92_nr_2347_aufn_0062)
- Niedersächsisches Landesarchiv Hannover
- Hann. 38 Militärsachen, Nr. 1757/23 — Französische Besetzung Mündens
- Stadtarchiv Hann. Münden
- Rep. 3 Militärwesen, Nr. 57 — Übergabe der Stadt 1757
- Service historique de la Défense, Vincennes
- Série A — Dossiers d’opérations 1757 (Parallelüberlieferungen)
7. Literaturverzeichnis
- Kroener, Bernhard R.: Hannover im Siebenjährigen Krieg. Göttingen 1985.
- Duffy, Christopher: The Army of Frederick the Great. London 1974.
- Szabo, Franz A. J.: The Seven Years War in Europe 1756–1763. London 2008.
- Pivka, Otto: Armies of the Seven Years War. London 1977.
- Wellenreuther, Hermann: Niedersachsen im 18. Jahrhundert. Hannover 1990.
- Stammlisten der kurhannoverschen Armee, hrsg. NLA Hannover.
8. Fazit: Die Kapitulation als notwendiger Schritt
Die Rekonstruktion der Garnison zeigt:
Münden war 1757 nicht in der Lage, einem französischen Korps ernsthaft Widerstand zu leisten. Die Kapitulation vom 23. August war daher weniger ein militärisches Ereignis als ein Akt der Vernunft, der die Stadt vor Zerstörung bewahrte.
Münden war 1757 nicht in der Lage, einem französischen Korps ernsthaft Widerstand zu leisten. Die Kapitulation vom 23. August war daher weniger ein militärisches Ereignis als ein Akt der Vernunft, der die Stadt vor Zerstörung bewahrte.
Die Kapitulation Mündens ist ein Schlüsselereignis für das Verständnis der Kriegslage 1757:
- Sie markiert den Höhepunkt der französischen Offensive in Südniedersachsen.
- Sie zeigt die militärische Schwäche der hannoverschen Verteidigungslinien südlich der Leine.
- Sie dokumentiert, wie frühneuzeitliche Kriegsführung funktionierte:
nicht durch Vernichtung, sondern durch Vertragslogik, Disziplin und Verwaltung. - Für Münden bedeutete sie eine relativ geordnete Besatzungszeit, verglichen mit früheren Kriegen.
Fußnoten:
- Der Titel „allerchristlichster König“ (roi très chrétien) war seit dem Mittelalter die traditionelle Bezeichnung des französischen Monarchen.
- Offizierslisten (Infanterie) der Hannoverschen Armee zusammengestellt durch Major v. Bylburg
- Maréchal de camp entsprach im 18. Jahrhundert etwa dem Rang eines Generalmajors.
- Christoph Eberhard Arens († nach 1760) war Offizier im Dienst des Kurfürstentums Hannover und mehrfach in Grenzstädten eingesetzt.
- Die vollständige Entwaffnung war Standardpraxis bei Kapitulationen, um Aufstände oder erneute Verteidigungsversuche zu verhindern.
- Das Regiment Reding war ein schweizerisches Regiment in französischen Diensten.
- Gemeint ist Louis d’Orléans, Herzog von Orléans, der 1757 eine wichtige Rolle im französischen Oberkommando spielte.
- Die strenge Haftung für Magazinverluste verweist auf die Bedeutung der Versorgungslage im Siebenjährigen Krieg.
- Die Weser war ein wichtiger Transportweg für Holz, Getreide und militärische Güter.
- Treueide waren ein zentrales Instrument frühneuzeitlicher Herrschaftssicherung.
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