Die Klipp- bzw. Notmühle
Veröffentlicht von Wulf Richter in Forschung & Geschichte · Mittwoch 26 Aug 2026 · 6 Minuten
Tags: Klippmühle, Notmühle, Hann., Münden, Geschichte, Wassermühle, Hochwasser, Eisgang, Krieg, Privileg, 1471, technische, Modernisierung, wirtschaftliche, Vielseitigkeit, Privatisierung, kommunale, Versorgungssicherheit, Mittelalter, 19., Jahrhundert
Tags: Klippmühle, Notmühle, Hann., Münden, Geschichte, Wassermühle, Hochwasser, Eisgang, Krieg, Privileg, 1471, technische, Modernisierung, wirtschaftliche, Vielseitigkeit, Privatisierung, kommunale, Versorgungssicherheit, Mittelalter, 19., Jahrhundert
Die Klipp‑ bzw. Nothmühle in Hann. Münden: Entstehung, Funktion und Entwicklung einer städtischen Sondermühle
Überblick
Die Klipp‑ oder "Noth"-Mühle in Hann. Münden stellt ein bedeutendes Beispiel frühneuzeitlicher kommunaler Infrastruktur dar. Ihre Entstehung geht auf ein landesherrliches Privileg des Jahres 1471 zurück, das der Stadt erlaubte, eine Mühle ausschließlich für Notzeiten zu betreiben. Der Beitrag untersucht die rechtlichen Grundlagen, die bauliche Entwicklung, die technische Ausstattung sowie die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Mühle vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. Die Analyse basiert auf Kämmereiregistern, Ratsprotokollen und archivalischen Quellen, die detaillierte Einblicke in Betrieb, Reparaturen und Pachtverhältnisse geben.
1. Einleitung
Die Klipp‑ bzw. "Noth"-Mühle nimmt innerhalb der Mündener Mühlenlandschaft eine Sonderstellung ein. Sie diente nicht dem regulären Mahlbetrieb, sondern war als Reserveanlage konzipiert, die nur bei Ausfall der herrschaftlichen Mühlen genutzt werden durfte. Ihre Geschichte ist eng mit Fragen der städtischen Autonomie, der Versorgungssicherheit und der technischen Entwicklung frühneuzeitlicher Mühlen verbunden.
2. Das Privileg von 1471 und die Funktion als Nothmühle
Die Grundlage für die Errichtung der Mühle bildet ein Privileg Herzog Wilhelms des Älteren aus dem Jahr 1471. Darin wird der Stadt gestattet, eine Mühle „bynnen edir buten erer stadt upe erer beke“ zu errichten, die jedoch ausschließlich im Notfall betrieben werden durfte, wenn die herrschaftlichen Mühlen aufgrund von Hochwasser oder Eisgang stillstanden.[1]
Die Nutzung war streng reglementiert: Die Bürger durften die Nothmühle nur verwenden, „wann er unser molen von waters wegen noit nicht malen konen“.[2]
Die Nutzung war streng reglementiert: Die Bürger durften die Nothmühle nur verwenden, „wann er unser molen von waters wegen noit nicht malen konen“.[2]
Damit war die Mühle rechtlich ein reines Notfallinstrument und durfte den herrschaftlichen Mühlen nicht konkurrieren.
3. Bau, Umbauten und technische Entwicklung
3.1 Frühe Bauphase (1483–1515)
Erstmals wird 1483 ein Hauskauf „thor notmolen“ erwähnt, der den Umbau eines bestehenden Gebäudes zur Mühle ermöglichte.[3]
1514/15 erfolgte ein größerer Ausbau, der auch die Anlage neuer Wassergräben einschloss:
1514/15 erfolgte ein größerer Ausbau, der auch die Anlage neuer Wassergräben einschloss:
„Vor einen dagk ahn deme graven, dar in datt water up de molen schall, gehaket.“[4]
3.2 Wasserführung und Antrieb
Die Mühle wurde oberschlächtig betrieben. Das Wasser der Beke wurde hinter der Ägidienkirche in die Stadt geleitet und über ein Gefälle auf das Mühlrad geführt:
„…ließ man nun das Wasser auf das tiefliegende Mühlrad der Klippmühle fallen, die dadurch ‚oberschlächtig‘ angetrieben wurde.“[5]
3.3 Mechanische Ausstattung
Die technische Ausstattung entsprach dem Standard frühneuzeitlicher Wassermühlen:
- Kammräder als Vorläufer moderner Zahnräder[6]
- Wellenbaum und Schaufeln des Wasserrads[7]
- Sichtebeutel und Sichtetuch zur Mehlreinigung[8]
- Mühlsteinbrüche am Kattenbühl, Blümerberg und Kramberg[9]
Diese Elemente belegen eine kontinuierliche Modernisierung und Instandhaltung.
4. Der Name „Klippmühle“
Erst 1524 erscheint die Bezeichnung Klippmühle. Der Name wird im Text als Hinweis auf die geringe rechtliche Bedeutung der Mühle erklärt:
„‚Klip‘ oder ‚Knip‘ so viel wie ‚ein geringes Ding‘.“[10]
Die Mühle durfte nur mahlen, wenn die herrschaftlichen Mühlen verhindert waren – sie war also im wörtlichen Sinne ein „geringes Ding“.
5. Wirtschaftliche Bedeutung und Nutzung
5.1 Einnahmen und Pachtverhältnisse
Die Einnahmen schwankten stark. 1610 wurden beispielsweise 41 Mark aus Getreideverkäufen erzielt.[11]
Die Mühle wurde regelmäßig verpachtet, wobei die Pachtbedingungen oft an Reparaturverpflichtungen gekoppelt waren.
Die Mühle wurde regelmäßig verpachtet, wobei die Pachtbedingungen oft an Reparaturverpflichtungen gekoppelt waren.
5.2 Reparaturen als Indikator der Nutzung
Zahlreiche Reparaturposten zeigen die kontinuierliche Nutzung. 1603 etwa:
„Hans Schmitt eine Sohle untermauert … Lodwig Hartmann … die Rennen gestopfet … Melcher Katelhaut … Kalch … Jost Tupper hat en Ofen geflickt.“[12]
5.3 Ölschlag
Die Mühle besaß auch einen Ölschlag, was das Privileg ausdrücklich erlaubte. Hinweise darauf finden sich 1612:
„…für 1 hahrduck … Für Stricke um die Rammen … Für Kamholtz und Dreffstücke…“[13]
Damit wurde die Mühle nicht nur zum Mahlen von Getreide, sondern auch zur Ölgewinnung genutzt.
6. Die Mühle in Kriegszeiten
Während der Erstürmung Mündens durch Tilly 1626 wurde die Mühle beschädigt, jedoch nicht – wie oft behauptet – vollständig zerstört:
„…die Mühle, so von dem Thurme sehr beschedigtt gewesen, überall neu gedeket…“[14]
Plündernde Soldaten entwendeten sogar technische Teile:
„Die Soldaten haben sogar die Hauen und Spillen, die Sichtebeutel und die Metze mitgenommen.“[15]
7. Vom städtischen Notbetrieb zum Privatbesitz (1749–19. Jh.)
1749 verkaufte der Rat die Mühle an Johann Christian Hesse, unter der Bedingung, dass sie weiterhin als Nothmühle funktionsfähig bleiben müsse:
„…besagte Mühle als eine Nothmühle jederzeit in gutem und richtigem Stand zu halten…“[16]
Der Erbenzins blieb bestehen, und die Mühle wurde bis ins 19. Jahrhundert genutzt, bevor der Betrieb eingestellt und der Mühlengraben zugeschüttet wurde.[17]
8. Schluss
Die Klipp‑ bzw. Nothmühle ist ein eindrucksvolles Beispiel für die kommunale Daseinsvorsorge des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Sie zeigt, wie Städte technische Infrastruktur entwickelten, um Krisen zu bewältigen, und wie sich solche Einrichtungen über Jahrhunderte wandelten – von der Notfallmühle über eine kombinierte Getreide‑ und Ölmühle bis hin zum bürgerlichen Privatbesitz.
- „…se eyne Rosmolen edir ander molen bynnen edir buten erer stadt upe erer beke moghen bawen…“
- „…de wyle unser eygen molen malen unde slan konnen…“
- „…dedimus Peter Kremer vor syn hus… dat hefft de rat gekofft thor notmolen.“
- „Vor einen dagk ahn deme graven, dar in datt water up de molen schall, gehaket.“
- „…die dadurch ‚oberschlächtig‘ angetrieben wurde.“
- „2 schock Kämme … Das Kammrad war ein Vorläufer der heutigen Zahnräder.“
- „…Wellenbaum und Schaufeln am Mühlrad müssen neu erstellt werden.“
- „sichtedock zu zweien budeln…“
- „…am Kattenbühl und im Blümerberg … Mühlsteinbrüche…“
- „‚Klip‘ … ‚ein geringes Ding‘…“
- „Summa … 41 Mk…“
- Reparaturposten 1603.
- „…für 1 hahrduck…“
- „…überall neu gedeket…“
- „…Hauen und Spillen … Sichtebeutel…“
- „…als eine Nothmühle jederzeit in gutem und richtigem Stand zu halten…“
- Hinweis auf Einstellung des Betriebs und Zuschüttung des Grabens.
Dieser Beitrag wurde redaktionell erstellt und teilweise mit digitaler Assistenz unterstützt. Alle historischen Bewertungen und Quelleninterpretatioen stammen vom Autorenteam des Geschichtsvereins Sydekum.
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